WamS, 4. April 2004
Alfons Rissberger − Strategie Consulting

WELT am SONNTAG, 4. April 2004

Sozialer Sprengstoff erster Ordnung

Der Einsatz neuer Informationstechnologien wird in den nächsten Jahren eine Million Arbeitsplätze kosten, schätzt Alfons Rissberger, Chef des Datenverarbeitungszentrums Mecklenburg-Vorpommern

Alfons Rissberger ist Leiter des Datenverarbeitungszentrums Mecklenburg-Vorpommern und Chef der bundesweiten IT-Initiative D21
 

Welt am Sonntag: Hat die IT-Branche ihre Krise hinter sich?
Alfons Rissberger: Was wir bisher hatten war nur ein Vorbeben, das eigentliche Erdbeben folgt noch - und es wird unsere Republik in ihren Grundfesten erschüttern.
WamS: In welchen Bereichen treffen uns die Hauptveränderungen?
Rissberger: Wir müssen in allen Bereichen umdenken. Wir werden uns verabschieden müssen von der Illusion, dass Wachstum unsere Probleme lösen kann. Ein entsprechendes Wachstum sehe ich in den nächsten zehn Jahren nämlich nicht. Gleichzeitig entstehen durch IT etwa eine Million zusätzliche Arbeitslose und damit sozialer Sprengstoff erster Ordnung.
WamS: Also besser bremsen?
Rissberger: Nein, nein. IT muss sein. Auch wenn massenhaft Arbeitsplätze vernichtet werden, dürfen wir nicht den Fuß vom IT-Gaspedal nehmen.
WamS: Was also tun?
Rissberger: Wir brauchen neue Wege, neue Ideen, neue Modelle. Aber auch einen klaren Blick für das, was falsch wäre. Eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit beispielsweise wäre eine einzige Katastrophe.
WamS: Zurück zur IT. Erklären Sie uns die wichtigsten Bereiche.
Rissberger: Es sind drei: E-Commerce, E-Government und E-Learning
WamS: E-Commerce, also den Handel über das Internet, kennen dank Amazon, Otto oder Ebay viele, doch was bitte bringt uns E-Learning?
Rissberger: Wenn wir den Mut hätten, eine Milliarde Euro in das E-Learning, in höchstwertige Lernsoftware zu investieren, um das Grundstudium an Universitäten radikal zu verändern, würden wir Elitebildung in jeder Studentenbude ermöglichen. Jeder Student würde von den Besten der Besten unterrichtet, zu beliebiger Zeit, an beliebigem Ort und mit frei wählbarer Unterrichtsmethode.
WamS: Scheint unrealistisch...
Rissberger: Ist es aber nicht. Gelänge es dadurch, nur sechs Prozent der Professoren einzusparen, hätten wir pro Jahr eine Einsparung von einer Milliarde. Also schon nach einem Jahr wäre das erforderliche Kapital zurückgewonnen.
WamS: Klingt ja toll! Und was verbirgt sich hinter E-Government?
Rissberger: Ausübung staatlicher Verwaltung ohne klassische Papiere. Heute wäre es bereits möglich zwischen Brüssel, Berlin oder Schwerin elektronische Dokumente einzusetzen. Geistige Routinearbeit würde dann von Software erledigt - mit enormem Sparpotenzial und riesiger Effizienzsteigerung. Hinzu kommt, dass der Bürger dann nicht mehr auf das Amt müsste, sondern per elektronischer Unterschrift, der so genannten E-Card, Anträge rechtswirksam stellen könnte und vielleicht innerhalb von Stunden statt nach Wochen Bescheide erhalten könnte.

WamS: Haben die Kommunen und Länder das Geld für diese Ausrüstung?
Rissberger: Auch hier lohnt sich das Investment rasch. In Hamburg erklärte kürzlich das Vorstandsmitglied eines großen deutschen Unternehmens, dass er durch die Einführung von SAP ein Drittel seiner Verwaltungskosten eingespart hat. Damit ist ihre Frage beantwortet: IT bringt mehr als es kostet, allerdings - wie schon gesagt - zu Lasten der Arbeitsplätze.
WamS: Bekommen wir damit nicht den gläsernen Bürger?
Rissberger: Das Sicherheitsdenken muss neu überdacht werden. Im Zeitalter internationalen Terrors müssen wir mit mehr Kontrolle leben. Schutz- und Sicherheitsdenken aus der Alten Welt passen heute nicht mehr. Gleichzeitig gibt es sensible Bereiche, wie medizinische Daten, die auf öffentlich zugänglichen Servern natürlich nichts zu suchen haben. Andererseits gibt es auch viele unnötige Geheimnisse.
WamS: Welche zum Beispiel?
Rissberger: Gehälter. Warum soll man nicht wissen, was jeder verdient, und diskutieren, ob seine Leistung seinem Gehalt entspricht.
WamS: Dann gehen Sie doch mit gutem Beispiel voran, was verdienen Sie denn?
Rissberger: Kein Problem. Ich bekomme vielleicht 200 000 Euro jährlich, und das ist etwa die Hälfte dessen, was für eine vergleichbare Arbeit normal ist. Aber im Ernst: Es gibt heute Datenschutzbereiche, über die man längst diskutieren müsste. Ich denke, der Datenschutz geht eindeutig viel zu weit und steht einer modernen offenen Welt im Weg.
WamS: Gibt es sonst noch Probleme in Deutschland? Können wir international mithalten?
Rissberger: Wir haben im Grunde gute Rahmenbedingungen. Jetzt gilt es, die Massendurchdringung mit Computern auch in Haushalten zu forcieren. Die erwähnte E-Card ist ein gutes Beispiel: Jetzt muss entschieden werden, wo man die elektronische Unterschrift einsetzt. Konkret: Die Gesundheitskarte wäre dafür ein idealer Träger.
WamS: Klingt gut, aber die Gesundheitskarte wurde vor acht Jahren erfunden und es gibt sie bis heute nicht. Woran hängt es?
Rissberger: Wie so oft in Deutschland, liegt die Wurzel des Übels im gleichen Problem. Wir müssen endlich lernen, schnell zu entscheiden, nicht zu vertagen. Nicht endlos zu diskutieren, sondern zu handeln. Auch auf die Gefahr hin, Fehler zu machen.
WamS: Oje, das Mautdesaster spricht eine andere Sprache...
Rissberger: Na ja, da wird viel Falsches geschrieben. Wenn man den Mut hat, den ich übrigens für falsch halte, ein System entwickeln zu wollen, das erstens nach der Weltführerschaft strebt, das zweitens noch niemand auf der Welt vorher getestet hat, und das drittens unmittelbar in die Praxis gehen soll, dann muss man akzeptieren, dass das schief gehen kann. Und es ist eben schief gegangen. Das aber lag eher an der Projektleitung als am Projekt. Denn die Idee, die dahinter steht, ist eigentlich phänomenal gut.
WamS: Warum bleiben Sie dann in Schwerin? Übernehmen Sie doch lieber Toll-Collect und verhelfen uns zu einem funktionierenden Mautsystem...
Rissberger: Ich weiß nicht, ob es meine spezielle Fähigkeit ist, diesen Karren, der tief im Schlamm steckt, dort wieder herauszuziehen. Es wäre eine reizvolle Aufgabe, wenn sie entsprechend dotiert ist, und wenn man dem Projektleiter die erforderlichen Freiräume gewähren würde. Aber um es klar zu sagen: Niemand ist an mich herangetreten, ob ich diese Aufgabe übernehmen will. Außerdem fühle ich mich in Schwerin und in der Firma, für die ich arbeite, so wohl, dass ich über Alternativen nicht nachdenke.

Das Gespräch führte
Wolfgang Ehemann

 
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