OstseeZeitung 28./29.02.2004
Alfons Rissberger − Strategie Consulting

OstseeZeitung vom 28./29.02.2004

Don Quichotte der Bits und Bytes

Er ist ein unermüdlicher Vorreiter in Sachen Informationstechnologien: Alfons Rissberger, Chef des Datenverarbeitungszentrums M-V.

Alfons Rissberger scheint einen Augenblick der Wirklichkeit entrückt. Das Handy am Ohr, gedankenversunken in Raum und Zeit. "Der Glotz will nicht nach Schwerin", entfährt es ihm nach einer kurzen Ewigkeit. Peter Glotz, honoriger Gründungsrektor der Universität Erfurt und heute Honorarprofessor an der renommierten Alma mater im schweizerischen St. Gallen, habe keine Lust auf die alte mecklenburgische Residenzstadt, übermittelt das Büro in St. Gallen dem Geschäftsführer der DVZ Datenverarbeitungszentrum Mecklenburg-Vorpommern GmbH unverblümt. Rissberger lässt das Handy sinken. "Sowas ärgert mich."


Rissberger mag es hochkarätig. Er weiß, spektakuläre Ideen, unbequeme Wahrheiten, beängstigende Zukunftsszenarien sind nicht marktschreierisch an den Mann zu bringen. Namhafte Matadoren aus Politik, Wirtschaft und Kultur eignen sich in Rissbergers Regie gerade gut genug, um zu verkünden, was die Welt verändert - die IT-Revolution.


Hinter der kleinen Kunststoffbrille ist das unablässige Flackern in Rissbergers wache Augen zurück gekehrt. Kanzler Gerhard Schröder und der Ex-IBM-Chef in Deutschland, Erwin Staudt, zählt er auf, sind seinem Ruf nach Schwerin bereits gefolgt. Referenzen, die der DVZ-Chef auf Taste hat. Reflexartig spult er sie in Gesprächen und Vorträgen ab.


Dass mancher Zuhörer zum x-ten Mal damit konfrontiert wird, hat Rissberger weggeklickt. Er ist beseelt davon, den gravierenden Wandel in der Informationsgesellschaft an die Wand zu projizieren. Missionarischer Eifer treibt den 55-Jährigen. "Rissberger brennt für seine Sache und zündet andere an", bestätigt Erwin Staudt, heute Präsident des Fußballclubs VfB Stuttgart. "Er kann Leute unglaublich begeistern und mitreißen."


Wenn er zum Beispiel von der Rasanz der IT-Entwicklung schwärmt. Jedes Jahr veraltet die Hälfte des Wissens in diesem Bereich. Man stelle sich das nur mal vor. Rissberger rasselt es runter, als wolle er dieses Tempo noch toppen. Fährt ihm das Wort Revolution über die Lippen, lässt er kalkuliert den Schauer des Bedrohlichen mitschwingen. Allein in Deutschland werde in den nächsten Jahren eine weitere Million Jobs wegfallen, weil geistige Routinearbeit durch IT-Technologien rationalisiert wird, ist Rissbergers Kernbotschaft. Ein "irrsinniger Druck" baue sich in den Industriestaaten auf. Das enorme Beschäftigungsproblem werde aber nicht mehr mit konventionellen Mitteln zu lösen sein.


An solchen Punkten in seinen Gedankengängen lehnt sich Rissberger gern zurück, verschränkt die Arme, blickt sein Gegenüber bohrend an. Um diesem dann doch zuvor zu kommen: "Fehler der Vergangenheit wurden in Deutschland stets mit mehr Wachstum kompensiert. Diese Zeit ist definitiv vorbei." Der Schweriner IT-Experte sagt es in ungeschminktem Pfälzer Dialekt.


Ein Szenario, das Rissberger schon 1978 skizziert, als Personalcomputer noch in den Kinderschuhen stecken. Der Elektroingenieur und Pädagoge doziert in seiner Heimatstadt Worms an verschiedenen Bildungsstätten unter anderem im jungen Fach Informatik, leitet erste Computer- und Multimedia-Projekte. Auf einer Gewerkschaftsveranstaltung "vor 1000 Leuten" streitet er mit dem späteren EU-Kommissar Martin Bangemann über Perspektiven der modernen Kommunikation. "Der Bangemann sah Millionen neue Arbeitsplätze, ich hielt dagegen, IT wird zum Jobkiller." Das ist unpopulär, Rissberger aber gibt nicht klein bei.


Mitte der 80er Jahre wird in Rheinland-Pfalz bundesweit der erste Modellversuch für computergestütztes Lernen an Grundschulen gestartet. Rissberger führt die Feder. Er wird angefeindet, beispielsweise von der Lehrergewerkschaft GEW. Was Rissberger mache "sei unanständig, die Grundschüler müssten vor neuen Technologien geschützt werden", erinnert sich der Wahlschweriner nur zu gut an diverse verbale Tiefschläge. Und zu gern. Für ihn sind es Ritterschläge.


Damals hat Rissberger, Vater von zwei erwachsenen Kindern aus erster Ehe, begriffen, "Verhaltensänderung funktioniert nur über Emotionalisierung, nicht durch Fakten". Darauf versteht sich der vielbeschäftigte Referent mit den Jahren hervorragend. In atemberaubendem Tempo, ausgefeilter Dramaturgie und mit beeindruckenden Praxisbeispielen fesselt er seine Zuhörer. Unternehmer und Politiker. Die sind empfänglich für zugespitzte Thesen. Informationstechnologien setzt Rissberger neben Krieg und Katastrophen auf die Agenda der wichtigsten globalen Zeitthemen. IT verändere alles. Das sitzt. Er weiß es.

Rissberger, seit 1993 Geschäftsführer des DVZ, reitet jedoch auf schmalem Grat. Die Geschwindigkeit, die Klarheit und die Schärfe seiner Argumente schürten unterm Strich Ängste, so seine Ehefrau Sabine Rissberger. Und Erwin Staudt erkennt in der "hyperkreativen Art" des Weggefährten gar überzogene Eile, denn "die Dinge müssen ja erstmal umgesetzt werden".


Doch Rissberger kann längst nicht mehr anders. Er ist gefangen im Sog der IT-Entwicklung. "Die Intelligenz liegt heute im weltweiten Netz, nicht mehr auf der Festplatte." Viele Vorlesungen an Hochschulen hält er für "finsteres Mittelalter". Das Know-how der Besten in aller Welt bekomme man heutzutage per Mouseklick. Eine virtuelle Universität in Schwerin, die sollte seine persönliche Baustelle werden. Das Projekt scheitert vorerst an der Finanzierung.

Ohne Groll sagt Rissberger aber auch, er sei zufrieden mit dem, was das Land im IT-Bereich mache. Seit 1998 dreht er kräftig mit an der Kurbel als Vorsitzender des Multimedia-Beirates von Mecklenburg-Vorpommern. Im gleichen Jahr hebt er mit Gleichgesinnten aus Lehre, Politik und Großunternehmen wie Siemens, Microsoft und IBM die deutschlandweite Initiative D21 aus der Taufe. Ein gesellschaftliches Forum, das die Gesellschaft für Informationstechnologien sensibilisieren will. Das nötigt auch dem Ministerpräsidenten von M-V, Harald Ringstorff (SPD), Respekt ab: "Alfons Rissberger hat Visionen und tritt für sie ein. Ohne seine Begeisterung, seine Ideen und seinen Druck wäre Mecklenburg-Vorpommern im IT-Bereich sicherlich noch nicht so weit, wie es heute ist."


Rissberger ist es wichtig, etwas zu bewegen. Das sei mehr wert als Geld. Anerkennung und Lob saugt der gebürtige Wormser begierig auf. "Darauf bin ich angewiesen." Entwaffnend offen gibt er sich in solchen Momenten. Man nimmt es ihm ab, wenn er sagt: "Im DVZ bin ich der Erste unter Gleichen, nicht der General." Das Schweriner Datenverarbeitungszentrum hat 250 Mitarbeiter. Der Chef hält große Stücke auf sie. "Ohne die Leute in der Firma wäre ich weniger wert."


Lust an der Weltveränderung schließt Leben nach dem Lustprinzip, wie es Rissberger nennt, nicht aus. Traumhafte Orte in fernen Ländern, interessante Menschen, gutes Essen. Der viel reisende Rissberger genießt die Stunden mit seiner Frau Sabine und dem Hauskater, der auf den spanischen Namen "Mirador" hört. Beide sind dem Don Quichotte der Bits und Bytes sein wichtigster Kraftquell.


Alfons Rissberger lebt seine Vision.


Zu seinem Handheld, eine Art von Mini-Computer, besitzt er eine beinahe physische Beziehung. "Mein Vergesslichkeits-Eliminator." Unversehens greift er nach dem Gerät, tippt gedankliche Bruchstücke ein - Ideen, Impulse, Fragen, Termine. Über das taschenrechnergroße Ding surft er im Internet, ruft E-Mails vom Bürocomputer ab, erteilt seiner Sekretärin Aufträge. Rissberger online. Er ist der Wirklichkeit nicht entrückt. Er ist ihr voraus.

 

THOMAS SCHWANDT


 
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