OstseeZeitung 28./29.12.2002
Alfons Rissberger − Strategie Consulting

OstseeZeitung vom 28./29.12.2002

Millionen Jobs werden weggeklickt

Im Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft gilt die IT-Branche als Jobmaschine. Doch je mehr die neuen Technologien alle Bereiche durchdringen, desto mehr wird die IT auch zum Jobkiller.

Die Informationstechnologien (IT) durchdringen immer stärker den Alltag. Von einer Revolution spricht der Geschäftsführer der DVZ Datenverarbeitungszentrum Mecklenburg-Vorpommern GmbH, Alfons Rissberger. Und die stehe erst am Anfang.

OZ: In Ihrer IT-Revolutionstheorie kommen Sie zu dem Fazit, dass durch den Einsatz von IT-Technik in den kommenden Jahren mindestens eine weitere Million Arbeitsplätze in Deutschland wegfällt. Worauf gründet sich dieses dramatische Szenario?

Rissberger: Vernetzte IT-Technik bringt einen enormen Effektivitätsschub. Die Kosten im Arbeitsprozess werden in den nächsten Jahren rapide gesenkt, die Bankenbranche beispielsweise geht von einem Potenzial von bis zu 40 Prozent aus. Vorrangig wird geistige Routinearbeit rationalisiert. In der Zentrale des Finanzdienstleisters BHW in Hameln beispielsweise wird heute bereits sämtliche Post elektronisch bearbeitet. Die Briefe werden nach Eingang eingescannt und dann im Datenverarbeitssystem weitergeleitet. Die Originale enden im Schredder.

OZ: Bleiben solche spezifischen Anwendungen nicht auf bestimmte Bereiche begrenzt und malen Sie demnach nicht den Teufel an die Wand?

Rissberger: Ich gebe Ihnen recht, IT-Technologien werden nie die Vorzimmer-Dame ersetzen, die den Chef und seine Gäste unterstützt und Telefonate herstellt. Auch nicht den Juristen, der in jedem Einzelfall neu Recht bewerten muss. Subjektive Eigenschaften, die einen Manager befähigen, Mitarbeiter zu führen, sind ebenso nicht elektronisch zu ersetzen. Doch auf der anderen Seite wickelt die Lufthansa inzwischen einen Teil des Ticketverkaufs im Internet ab. Rathäuser gehen dazu über, Anträge und Formulare auf dem elektronischen Datenweg zu bearbeiten. In der Initiative D21, in der Unternehmer den Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft voranbringen wollen, erlebe ich diesen hautnah: Jede zweite Vorstandssitzung wird virtuell durchgeführt. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass Informationstechnologien neben Krieg und Katastrophen das wichtigste Thema in dieser Zeit sind, die unsere Welt fundamental verändern.

OZ: Warum?

Rissberger: Die IT-Technologien verändern alles. Alle Berufe, in allen Ländern. Heute ist das Entwicklungstempo soweit vorangeschritten, dass es alle halbe Jahre einen totalen Umschlag in der Informationstechnik gibt. Manchen Leuten in Deutschland ist das zu rasant, sie sagen, wir sollten bei IT den Fuß vom Gaspedal nehmen. Ich entgegne, dann werden wir alles verlieren.

OZ: Die schnelle technische Innovation ist die eine Seite. Birgt das aber nicht die Gefahr, dass die Masse der Menschen diesem rasanten Tempo kaum noch folgen kann?

Rissberger: Wir haben keine andere Chance. Die Amerikaner sind bereits ein Stück weiter, beispielsweise beim E-Learning, dem Lernen am Computer. In Deutschland wird sich erst ein wenig damit beschäftigt. Das liegt unter anderem am dicken Klebstoff Gewohnheit.

OZ: Aber vielleicht auch daran, dass in diesem Fall Lehrer befürchten, durch E-Learning ihre Jobs zu verlieren.

Rissberger: Das trifft zu und wirkt bremsend. Es muss daher unbedingt über neue Modelle nachgedacht werden, damit möglichst viele Leute auch im IT-Zeitalter einer sinnvollen Arbeit nachgehen können. Das aktuelle Hartz-Konzept bietet für diese Probleme leider keine Lösung. Es betrachtet die Arbeitswelt zu sehr aus der Vergangenheits-Perspektive. In der Gesellschaft wird ein Zusammenrücken unvermeidlich. Es gibt viele Bereiche, wo drei Arbeitnehmer sich zwei Arbeitsplätze teilen müssen.

OZ: Bei zwei Drittel Arbeitszeit werden die Beschäftigten aber kaum auf ein Drittel des Gehalts verzichten können. Wie ist so ein Modell zu finanzieren?

Rissberger: Wenn die Sache konsequent zu Ende gedacht wird, erschließen sich auch Geldquellen. Mit dem rapiden Arbeitsplatzabbau entsteht eine enorme Diskrepanz in der Gesellschaft. Diejenigen, die aus dem Berufsleben aussortiert werden, verlieren häufig ihr Selbstwertgefühl.

Als eine Folge nehmen psychosomatisch bedingte Erkrankungen zu. Die anderen geraten unter wachsenden Leistungsdruck und werden ebenfalls öfters krank. Dem Staat entstehen so Unsummen an Kosten. Diese Gelder könnten besser angelegt werden, wenn die öffentliche Hand bereit wäre, den Unternehmen Zuschüsse zu zahlen. So kämen die Arbeitnehmer bei besagtem Job-Sharing auf gut 85 Prozent ihres ursprünglichen Gehaltes. Derartige Modelle gibt es anderswo bereits.

OZ: Wenn mit IT massenhaft menschliche Arbeitskraft auf Halde geworfen wird, wie prognostiziert, führt das nicht zu dramatischen Verwerfungen in der gesamten Arbeitswelt?

Rissberger: Es ist ein kausales Verhängnis. Wenn Manager und Mitarbeiter künftig weniger auf Reisen gehen, weil sie dank moderner IT-Technik viele Aufgaben im Büro oder zu Hause erledigen können, werden weniger Flüge und Hotelzimmer gebucht, sind weniger Autos unterwegs. Im Frankfurter Bankenviertel droht 12 000 Bänkern der Jobverlust. Schon jetzt stehen erste Einfamilen- und Bürohäuser leer. Die weiteren Folgen lassen sich leicht ausmalen.

OZ: Beschleunigt durch die IT, geraten wir nicht an einen Punkt, an dem die Hatz nach unbegrenztem Wachstum ernsthaft in Frage zu stellen ist?

Rissberger: Dem Wachstumsstreben liegt der Darwinismus zu Grunde. Der Mensch selbst hat diesen überwunden. In der Wirtschaft jedoch wirkt er weiter. Einen Vorteil hat der Verdrängungswettbewerb, er hält Unternehmen fit. Der Preis aber sind Manager, die sich und andere ausbeuten. Ein wenig gegensteuern können wir, indem wir Langsamkeit und Ruhe als einen Wert erkennen und bewusst damit umgehen.

OZ: Das mag für den einzelnen nachdenkenswert sein, aber ist es illusionär zu glauben, sich in der globalisierten Welt dem Entwicklungsdruck und -tempo entziehen zu können?

Rissberger: Das will ich damit nicht gesagt haben. Natürlich dürfen wir nicht bremsen. Doch wir brauchen neue Rezepte für die Zukunft. Denn klammert sich die Gesellschaft weiter an alte Erfolgsrezepte, wird es uns wie den alten Römern ergehen.

OZ: Sie reden dem Untergang das Wort?

Rissberger: Zu den Hiobsbotschaften in der heutigen Zeit gehört, wir werden in Deutschland das erreichte hohe Lebensniveau langfristig nicht halten können. Dem Worlwide Web wohnt eine grausame Transparenz inne. Der schlecht bezahlte Software-Entwickler in Indien fragt sich eines Tages berechtigt, warum es ihm nicht so gut geht wie seinen Kollegen hier zu Lande. Es werden Forderungen nach Teilhabe erwachsen, die ein Umverteilen des Reichtums nach sich ziehen werden. Wir werden uns an eine neue Bescheidenheit gewöhnen müssen. Diesen Trend gilt es zu gestalten. Im Moment kommt es mir in der Politik vieler Staaten jedoch so vor, als würden wir auf dem Sonnendeck der Titanic um die Liegestühle streiten, während das Schiff schon sinkt.

OZ: Ignoriert die Politik das Problemfeld IT-Revolution?

Rissberger: Das scheint so, aber es gibt zwei handfeste Gründe dafür. Zum einen sagen Politiker ganz unverblümt, mit dem Thema seien keine Wahlen zu gewinnen, anderen fehlt schlichtweg die Kenntnisse über die Prozesse.

OZ: Mit der von Ihnen aus der Taufe gehobenen Initiative D21 wollen Sie auch die Politik für das Thema sensibilisieren. Wie dick sind die Bretter, die Sie da bohren müssen?

Rissberger: Vorrangig geht es darum, das Thema IT stärker in allen Bereichen zur Chefsache zu machen. Dazu ist die Initiative D21 bereits im Gespräch mit der neuen Bundesregierung. Auch die Ministerpräsidenten der Bundesländer wollen wir nochmals verstärkt mit ins Boot holen. In M-V sind wir schon ein gutes Stück voran gekommen. Es gibt den Multimedia-Beirat, der die Landesregierung berät. Und: Die Sache ist bei uns Chefsache. Im Januar findet das nächste Gespräch mit dem Ministerpräsidenten statt.

 

Interview:
THOMAS SCHWANDT

 
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