FAZ vom 07.03.1995
Alfons Rissberger − Strategie Consulting
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Nach der erstmaligen Veröffentlichung dieses Beitrags in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung vom 7. März 1995 wurde dieser Text vielfach und in
mehreren Sprachen aufgegriffen, u.a. durch das Goethe-Institut.
Dr.Günther Serfas ist Schulleiter am Gauß-Gymnasium Worms.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07. März 1995

Eine kleine Zeitreise

Ein Schultag im Jahr 2004 / Von A. Rissberger und G. Serfas

Es ist Dienstag, der 25. Mai 2004. Für die Mädchen und Jungen der 7b des Mainzer Johann-Gutenberg-Gymnasiums hat gerade die zweite Unterrichtsstunde begonnen. In der ersten Stunde hatten sie Sport, jetzt steht Geschichte auf dem Stundenplan. Die Gesichter der Schülerinnen und Schüler sind noch erhitzt, die Stimmung ausgelassen.

Aus den bunten Schultaschen werden die Notebooks ausgepackt und über die Service-Leiste am Kopfteil der Schülertische an das digitale Schulnetz angeschlossen. Die Geschichtslehrerin begrüßt die Klasse. Auch sie hat ihren PC am Pult geöffnet und gibt das Thema der Stunde bekannt: ,,Antike Hochkulturen".

Hoch-Kultur mit Multimedia

Die Schuler klicken das entsprechende Symbol im Ordner Geschichte an. Auf dem Farbdisplay der Kinder erscheint eine Karte des Nahen Ostens. Nach einer kurzen geographischen Orientierung beginnt der eigentliche Geschichtsunterricht mit einer anderthalbminütigen Filmsequenz über die Öffnung eines Pharaonengrabes im Tal der Könige. Die Schüler sind binnen kurzem in eine andere Welt entführt. Motivation und Neugierde werden durch spannende Bilder in flimmerfreier Qualität geweckt.

Lisa sitzt in der zweiten Reihe neben Julian. Fasziniert verfolgt sie das Geschehen. Da unterbricht der Computer und stellt die erste Frage über das Gezeigte. Jetzt beginnt für Lisa und ihre Mitschüler der individuelle Teil der Multimedia-Anwendung. Selbständig klickt sie die vom Computer gezeigten Möglichkeiten zur Beantwortung der Aufgabe an. Die richtige Lösung wird von einem ägyptischen Schreiber lächelnd bestätigt. Eigenständig bestimmt jeder Schüler Inhalt und Geschwindigkeit seines persönlichen Lernprogramms. Die Software stellt sich stets neu auf jeden Arbeitsschritt ein. Lisa hat zunächst Schwierigkeiten, den toten Hunefer in der Darstellung zu identifizieren. Nach dem dritten Mißerfolg hilft der Computer durch einen gezielten Hinweis und ändert automatisch den Anforderungsgrad der zu der Aufgabe gehörenden Fragen. Je nach Arbeitstempo führt er Lisa dann wieder auf das ursprüngliche Niveau zurück. Das beansprucht etwa zehn Minuten konzentriertes Arbeiten. Dann schaltet sich die Lehrerin ein und bespricht mit den Schülern eine Frage, die alle wählbaren Aufgabenbereiche dieser Sequenz zusammenführt.

Der Unterricht hat sich in den vergangenen zehn Jahren erheblich verändert. Lernen ist handlungsorientierter, selbständiger und bei der Wahl des Lernweges individueller geworden.

Schüler und Lehrer sehen darin die Verwirklichung der unterrichtlichen und schulischen Ziele, die zu Beginn der 90er Jahres des vorausgegangenen Jahrhunderts noch als visionär bezeichnet wurden. Die Lehrerinnen und Lehrer haben mehr Zeit, sich erzieherisch mit einzelnen Kindern zu befassen, manchmal eine ganze Viertelstunde lang, ohne daß die anderen von ihren Aufgaben abgelenkt werden. Und trotzdem leidet die unterrichtliche Kommunikation nicht. Mindestens ein Drittel jeder Stunde wird

dem Rundgespräch und der Diskussion gewidmet. Und nachbarschaftliches Miteinander ergibt sich von selbst, ja es ist der Regelfall. Lisa und Julian tauschen Techniken und Informationen aus, mit denen man hier und da sogar die Software überlisten kann. In der dritten Stunde arbeiten Lisa, Julian und ihre Mitschüler mit CimCity in der aktuellen Version vom Dezember 2003.

Lisa kennt diese interaktive Spiel- und Lernsoftware schon aus den Erzählungen ihres großen Neffen aus der Multimedia-Pionierzeit 1993/94, als das Thema erstmals sogar auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde.

Heute ist der Lehrer noch in der Einführungsphase und erklärt den Umgang mit der Software. Umweltplanung heißt das Thema. Lisa lernt die Standorfkriterien von Wohn- und Industriegebieten auf verschiedene regionale Profile anzuwenden und ein optimales Gutachten zu erstellen. Sie vergleicht verschiedene Arbeitsmärkte, stellt Relationen von Umweltbelastungen, Verkehrsflüssen und Erholungsräumen her. Die Daten dazu liefert der Computer wunschgemäß auf Anforderung zu jedem der zur Verfügung stehenden Standorte. Lisa und Julian lernen ganzheitlich zu denken und zu handeln. Sie lernen Folgen zu ermitteln und wiederum deren Folgen zu bedenken und ausgewogen zu handeln. Früher hätte man das im Biologie-, Geographie- oder Sozialkundeunterricht getrennt erarbeitet. Heute ist das fächerübergreifende Lernen über Multimedia selbstverständlich.

Die Informationen, Querverweise und Problemstellungen erhält Lisa aus vier Quellen: Die erste ist die Datenbank eines Berliner Schul-Software-Verlags auf einer CD-ROM in ihrem persönlichen Notebook. Auf dieser CD sind zusammen mit der Anwendungs-Software die zeitbeständigen Daten gespeichert. Die Ergebnisse der Interaktionen von Lisa mit dieser Software werden automatisch auf einer Mini-Disk gesichert, so daß bei jeder weiteren Anwendung auf die persönliche Vorerfahrung aus dieser zweiten Quelle aufgebaut werden kann.

Die dritte Quelle ist die Datenbank des zentralen Servers des Schulnetzes, in der die bisher entstandenen Fragen und Arbeitsergebnisse anderer Nutzer und Ergänzungen der Lehrerinnen und Lehrer zu finden sind. Und schließlich die vierte Quelle: Die Datenbank des 1995 gegründeten zentralen deutschen ABC-AnInstitut für Bildung und Computer - an der Technischen Universität in Berlin, die primär aktuelle Daten über ISDN zur Verfügung stellt. Die vierte Stunde ist Klassenleiterstunde. Hier werden pädagogische und sozialplanerische Fragen aus dem Jahresprogramm der Klasse aufgegriffen. Lisa ist Klassensprecherin und führt einige Zeit die Diskussion. Julian erstellt am PC das Ergebnisprotokoll. Die Klassenleiterin erklärt den ihr anvertrauten Kindern verschiedene Alternativen der Konfliktbewältigung Diese Hinweise nehmen alle Kinder auf ihrer Mini DISK in ihrem Notebook mit nach Hause Sie sollen mit Eltern und Freunden darüber sprechen und andere Erfahrungen über die Diskussion in der nächsten Klassenleiterstunde notieren.

Die fünfte und sechste Stunde ist Englisch. Dabei stehen nicht nur die Sprache, Vokabeln und idiomatische

Ausdrücke im Vordergrund. Ebenso geht es um die Kultur und Lebensweise in Großbritannien und dem Commonwealth.

Ein Fenster nach England

In der sechsten und für diesen Tag letzten Unterrichtsstunde hat der Englischlehrer den nach dem letzten Umfrageergebnis der elektronischen Schülerzeitung beliebtesten Computer-Einsatz für die 7b arrangiert. Erträgt damit der im Sinken befindlichen Leistungs- und Konzentrationskurve der Kinder Rechnung und läßt sie einen Multimediakontakt zur 7. Klasse ihrer englischen Partnerschule herstellen. Die Kinder sehen sich gegenseitig in einem frei gestaltbaren Fenster an ihrem PC, können miteinander kommunizieren, Texte oder Bilder austauschen, gegenseitige Fragen beantworten und neueste Informationen über Land, Schule, Freizeit und Familie austauschen.

Auch im Jahr 2004 gibt es nachmittags immer noch Hausaufgaben. So richtig Frust kommt dabei aber nur noch selten auf. In der jeweiligen Software stecken ja alle erdenklichen Wege, Tricks und Methoden der besten und erfahrensten Pädagogen. so daß Lisa jederzeit genau dort abgeholt wird, wo sie in ihrem individuellen Lernprozeß gerade steht.

Auch die Lehrer haben sich mit Multimedia neue Freiräume verschafft. Das mühselige Suchen und Zusammenstellen geeigneter Materialien gibt es nicht mehr. Jetzt wird die Zeit zur Lektüre und Vertretung genutzt, die gigantische Materialfülle ist idealtypisch aufeinander abgestimmt und exemplarisch aufbereitet. Auch díe computerunterstützte Korrektur und Bewertung der Leistungen der Schülerinnen und Schüler kostet weniger Zeit.

Einer der Pioniere dieser Entwicklung hatte bereits zur CeBIT 1995 einen Proteststurm ausgelöst, als er mit Blick auf die absehbare Entwicklung und die Erfahrungen in einschlägigen Pilotprojekten prognostizierte, daß man speziell im Hochschulbereich Deutschlands in zehn Jahren auf einen guten Anteil der in der Lehre Tätigen verzichten könne, wenn man nur einen Bruchteil der damit dauerhaft einsparbaren Mittel in die Entwicklung anspruchsvoller Multimedia-Software investieren würde. Er sagte auch, daß dieser Schritt mit Blick auf unsere wichtigste Ressource Humankapital und auf die Sicherung des Bildungs-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorts Deutschland unumgänglich sei. Eine provokative Forderung von damals lautete, daß die deutschen Kultusminister nicht langer "moderne Analphabeten" bleiben dürften.

Tatsächlich können seit der Jahrtausendwende alleine wegen der Finanzierungsprobleme in Deutschland nicht mehr alle frei werdenden Stellen in der Lehre besetzt werden. Aber die meisten Beteiligten anerkennen, daß diese Einschränkung nicht automatisch zu einem Qualitätsverlust oder einer spürbaren Einschränkung der Studienqualität führte. Im Gegenteil, nach einer angemessenen Zeit der Einstellung auf die neuen Möglichkeiten und Methoden wurde überwiegend ein Zugewinn an Lernqualität anerkannt.

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