<  FAZ vom 15.11.1994
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Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Dienstag, 15. November 1994

Innovation aus Verantwortung

Denkverstärker PC: "Quantensprung" für eine bessere Bildung / Von Alfons Rissberger

Multimediasysteme und digitale Netze, in deren Mittelpunkt moderne PCs stehen, werden im nächsten Jahrzehnt so hochwertige, neue und menschengerechte Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten erschließen, so dass deren Nutzung nicht nur sinnvoll, sondern geradezu geboten Ist. Der unaufhaltsame Countdown zu diesem "Quantensprung" läuft bereits:

Wir stehen vor der größten Veränderung des Bildungswesens seit Erfindung des Buchdrucks. Es geht nicht darum, ob wir diese Entwicklung wollen oder nicht wollen. Sie wird sowieso stattfinden: Multimediasysteme werden die Zukunft der Schulen prägen. Jetzt ist die Zeit zu entscheiden, wie wir uns auf diese kommende Entwicklung einstellen, wie wir aktiv - nicht reaktiv - mit ihr umgehen, wie wir sie verantwortungsvoll gestalten.

Dabei geht es um die Verantwortlichkeit der Gesellschaft für die wesentlichen Bildungsinhalte, die Sicherung eines Spitzenplatzes im. europäischen und internationalen Bildungswesen. einschließlich der Wettbewerbsfähigkeit der Weiterbildung in Wirtschaft und Verwaltung sowie um die Sicherung eines unserer wichtigsten Güter: Humankapital - die Basis unseres Kultur-. und Wirtschaftsstandortes und damit um die Sicherung hochwertiger Arbeitsplätze.

Pilotprojekte unter anderem in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz haben auch in deutschen Schulen bestätigt, dass Computersysteme nicht nur Wissen und Erfahrungen wie ein Buch oder ein Film an beliebigen Stellen, zu beliebigen Zeiten, beliebig oft und gleichzeitig repräsentieren können. Sie können als Dialogmedien darüber hinaus in vorher undenkbarer Weise die besten und bewährtesten pädagogischen Methoden, exakt angepasst an das individuelle Vermögen des Lernenden, dynamisch und interaktiv erschließen, und das heißt auch spielerisch und mit anhaltender Lernfreude.

Mit hochwertiger Lernsoftware kann nicht nur Neues gelernt, neu Gelerntes geübt, früher Gelerntes beliebig oft wiederholt und dadurch vertieft werden. Insbesondere wird das selbstbestimmte, entdeckende und vernetzte Lernen in besonders umfassender und hochwertiger Weise gefördert. Die Erfahrungen belegen sogar, dass beim computerunterstützten Lernen die Kommunikation in der Lerngruppe größer ist als bei herkömmlichen Bildungsprozessen.

Zu Hause benutzen heute schon bis zu 50 Prozent der Kinder einer durchschnittlichen deutschen Grundschule Computersysteme (keine reinen Spielcomputer. Hier offenbart sich ein bemerkenswerter Widerspruch, ein Generationskonflikt. Dabei ist in

Deutschland mittlerweile wissenschaftlich belegt, dass der Computereinsatz bereits an Grundschulen zu einem "pädagogisch bedeutsamen Lernzuwachs" führt, der "über den vergleichbarer Untersuchungen" liegt und dass dabei lernschwache Schülerinnen und Schüler besonders gefördert werden. Und: Über 97 Prozent der Eltern wünschen die Fortsetzung dieses Computereinsatzes. Daneben gibt es beim medialen Einsatz von Computersystemen in verschiedenen Fächern keine signifikanten Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen.

Aber nicht nur die überwiegende Zahl der deutschen (Hochschul-)Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch die Entscheidungsträger in den Verwaltungen stehen diesem pädagogisch wertvollen medialen Computereinsatz - vielleicht aus Altersgründen - zu inaktiv gegenüber. Und selbst die jungen Absolventen unserer Schulen und Hochschulen verfügen oft über keine ausreichend breiten und qualifizierten Erfahrungen. Diese Passivität ist mit Blick. auf ein genauso humanes wie zeitgemäßes und effizientes Bildungswesen nicht mehr zu verantworten. Sicher sind bei der Mehrzahl der heute am Markt erhältlichen, sogenannten Lernprogramme schlechte pädagogische Methoden oder überholte Formen des programmierten Lernens übernommen worden.

Der pädagogische Quantensprung zu dynamischen und interaktiven Simulationsprogrammen wird aber bereits durch einige Angebote realisiert. Diese bereits begonnene Entwicklung relevanter Multimediasysteme wird wesentliche Bedingungen in allen Bereichen des Bildungswesens ,,auf den Kopf stellen": Wenn die Ressource Bildung auf hohem Niveau nutzbar bleiben soll, werden Computersysteme zukünftig effiziente Denkverstärker in allen Bildungsbereichen sein müssen. Können Multimediasysteme Lehrerinnen und Lehrer ersetzen? Die Antwort "Gute. Lehrerinnen und  Lehrer nicht!" wäre zu einfach.

Eines kann heute definitiv gesagt werden: Die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer insgesamt wird sich ändern: Weg von der klassischen Wissensvermittlung, hin zu Moderation und Betreuung von Lernprozessen. Trotzdem darf - auch wenn es unbequem ist und Emotionen weckt - nicht verkannt werden, dass diese Entwicklung in Teilen des Bildungswesens zu nennenswerten Gestaltungsspielräumen führen wird. Hier ist von der Bildungspolitik Kreativität gefordert. Sie muss entscheiden, wie die neuen Möglichkeiten genutzt werden.

Deutschland ist hierbei auch zunehmend der europäischen und internationalen Entwicklung ausgesetzt.

Seit kurzem werden sogar erstmals Notebooks angeboten, die alle bildungsrelevanten Forderungen erfüllen. Die Preise solcher Systeme werden in wenigen Jahren bei einem Bruchteil des heutigen Niveaus liegen. Dann wird der Multimedia-PC mit anspruchsvoller Lernsoftware in den Schultaschen unserer Kinder und Studenten nicht nur Bücher und Hefte ersetzen, er wird ein multifunktionales Dialogmedium sein. Diese Entwicklung schwappt verstärkt auch von den Kinder- und Jugendzimmern auf die Schulen über. Lehrerinnen und Lehrer sowie Entscheidungsträger in Schulaufsicht und Lehrerbildung werden mit Erfahrungen unserer Kinder und Jugendlichen noch stärker konfrontiert, denen sie mangels eigener Erfahrungen heute schon zu oft sprachlos gegenüberstehen. Simple Arbeitsteilung löst dieses Problem nicht, indem man etwa dieses Feld der Jungen Generation von Pädagogen und Entscheidungsträgern überlässt. Es handelt sich hier um eine Kulturtechnik für geistige Arbeit, die alle heute geistig Arbeitenden zum Handeln herausfordert. Erfahrungen mit PC-Standard-Software wie beispielsweise mit Textverarbeitung oder einem Dateiprogramm reichen zur Beurteilung der Möglichkeiten und Entwicklungen des computerunterstützten Lernens keinesfalls aus. Die Nutzungsvorteile hochwertiger Lernsoftware erschließen sich - wie die Vorteile anderer hochwertiger Werkzeuge - erst nach Absolvierung spezifischer Lernschritte und durch alltägliche Anwendung in der Berufspraxis. Hier sind auch die Entscheidungsträger gefordert.

Das Thema muss Chefsache sein. Nur so kann die Grundlage für .verantwortbare Entscheidungen und die notwendige Vorbildfunktion gesichert werden. Der Philosoph Hans Jonas formuliert es so:

"Eine Gesellschaft, die mit den Denkweisen des Industriezeitalters die neue Zeit meistern will, hat keine Chance, das Potential der informationstechnischen Revolution zu nutzen." Alle Pädagogen und Entscheidungsträger müssen sich auch in Deutschland jetzt dieser Herausforderung stellen. Sie können dies mit allen Vorzügen des deutschen Bildungssystems, das sie 'weitgehend unabhängig macht von den Bedingungen und ,Auswirkungen auf Arbeitsplätze, denen die Führungskräfte aller weltweit erfolgreichen Wirtschaftsunternehmen unterliegen. Es ist 5 vor 12. Der Zug wird weiterfahren. Es ist höchste Zelt einzusteigen. um am Ziel noch mit dabeizusein.

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