FAZ 22.03.1993
Alfons Rissberger − Strategie Consulting
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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. März 1993

Die Computerisierung der Kinderzimmer

Pädagogische Erfahrungen widerlegen Vorurteile
gegen den Einsatz von PC in der Grundschule / Von Alfons Rissberger

Die schulpraktischen Erfahrungen der Lehrerinnen und Lehrer bei der langfristigen Beobachtung der Schüler im Modellversuch CLIP sind eindeutig: Die Kinder zeigen eine höhere Motivation und Übungskonzentration. Es zeigt sich ein schneller und unproblematischer Zugang zum Computer auch für alle Mädchen, zum Beispiel mit dem Ergebnis, dass an einer freiwilligen Computer - AG 80 Prozent Mädchen beteiligt waren.

Auch Aussiedlerkinder ohne Deutschkenntnisse können problemlos und erfolgreich mit dem Computersystem arbeiten. Durch die neu angeregte und offensichtlich andauernde Lernfreude entwickelt sich bei den Kindern eine verbesserte Einstellung zum Fach Mathematik. Einige Kinder sprechen sogar von ihrem "Lieblingsfach". Die Kinder sind von den kindergemäßen und abwechslungsreichen Darstellungs- und Übungsformen sowie den "witzigen Einfällen" der Software begeistert. Sie freuen sich über die vielfältigen Hilfsmöglichkeiten.

Positiv finden die Kinder die sofortige Lernkontrolle und die umgehende Anerkennung. Der oft "stressige" Leistungsvergleich in der Gruppe entfällt. Die Kinder erleben das Üben, Lernen, Rechnen am und mit dem Computersystem als Spiel.

In wenigen Jahren wird der Computer mit anspruchsvoller Lernsoftware in den Schultaschen unserer Kinder Alltag sein, so wie es heute bereits Taschenrechner sind.

Die "Computerisierung" wird verstärkt von den Kinderzimmern auf die Schulen Überschwappen und Lehrerinnen und Lehrer sowie Entscheidungsträger in Schulaufsicht und Lehrerbildung mit Erfahrungen der Kinder konfrontierten, denen sie mangels eigener Erfahrungen zu oft sprachlos gegenüberstehen. Auch wenn deutsche Pädagogen und schulische Entscheidungsträger vom "Entlassungsschicksal" in Unternehmen, die diese rasche informationstechnische Entwicklung "verschlafen" haben, verschont bleiben: Verantwortung für eine genauso hochwertige wie effiziente Bildung der nächsten Generationen tragen wir alle. Noch klingelt der Wecker. Es ist höchste Zeit aufzuwachen.

Es ist schon ein bemerkenswerter Widerspruch: Einerseits benutzen heute bereits 40 Prozent der Jungen und 30 Prozent der Mädchen der 2. bis 4. Klassen einer gewöhnlichen deutschen Grundschule zu Hause Computersysteme (keine reinen Spielcomputer!). Bei den 8. Klassen sind es circa 85 Prozent der Schüler bzw. 40 Prozent der Schülerinnen. Die wissenschaftliche Begleituntersuchung eines deutschen Modellversuchs hat jetzt erstmals bewiesen, dass der Computereinsatz sogar schon an Grundschulen zu einem "pädagogisch bedeutsamen Lernzuwachs" führt und dass dabei lernschwache Schülerinnen und Schüler besonders gefördert werden. Und über 97 Prozent der Eltern wünschen die Fortsetzung dieses Computereinsatzes.

Andererseits stehen aber nicht nur die überwiegende Zahl der deutschen Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch die Kulturminister der meisten Bundesländer diesem pädagogisch wertvollen Computereinsatz untätig bis ablehnend gegenüber. Heute noch verlassen viele Absolventen unsere Hochschulen ohne ausreichende oder sinnvolle Erfahrungen mit Computersystemen. So verfügen 1992 bei einem Umschulungskurs für examinierte Geisteswissenschaftler 85 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer über keinerlei Computererfahrung. Diese Passivität ist mit Blick auf ein genauso humanes wie zeit gemäßes und effizientes Bildungswesen nicht mehr verantworten.

Der Erfolg heiligt die Mittel

Rheinland-Pfalz stellt sich deshalb seit Jahren dieser Herausforderung. Dabei ist nicht daran gedacht, "die Lehrerin oder den Lehrer durch Computer zu ersetzen, sondern die außerordentlich interessanten Möglichkeiten des Computers auch in der Grundschule nutzen zu wollen, dort, wo es didaktisch-methodisch erfolgreich erscheint, wo es pädagogisch verantwortbar ist", so Dr. Rose Götte, Ministerin für Bildung und Kultur.

Tatsache ist zwar, dass viele Lernprogramme, die heute angeboten werden, pädagogisch wertlos sind. Aber mittlerweile steht anspruchsvolle Unterrichtssoftware zur Verfügung, deren Einsatz in der Schule aufgrund der vorliegenden Erfahrungen geradezu geboten erscheint. Im rheinland-pfälzischen Modellversuch "Computerunterstütztes Lernen im Primarbereich (CLIP)" wird seit 1988 eine besonders kindergerechte, interaktive Unterrichtssoftware zum lückenschließenden Lernen, Üben und Testen in der Mathematik von 3. und 4. Klassen an Grundschulen auf der Basis moderner Mikrocomputer-Systeme mit graphischer Benutzeroberfläche erprobt und weiterentwickelt.

Interaktiv bedeutet dabei, dass das Kind durch sein eigenes Handeln am Computer seinen individuellen Lernprozess selbst beeinflusst. Dies ist eine pädagogisch sehr wertvolle und auch gegenüber allen anderen Medien neuartige Eigenschaft der eingesetzten Unterrichtssoftware.

Der Modellversuch bestätigt, dass Computer in der Bildung nicht nur Wissen und Erfahrungen wie ein Buch oder ein Film repräsentieren können, sondern dass sie darüber hinaus in vorher undenkbarer Weise die besten und bewährtesten pädagogischen Methoden, exakt angepasst an das individuelle Vermögen des Lernenden, dynamisch und interaktiv erschließen können.

Wenn man diese Möglichkeiten konsequent durchdenkt und bereit ist, optimale Lernvoraussetzungen anzustreben, dann müssen einem viele der herkömmlichen - bisher allerdings nicht anders lösbaren - Verfahren bei der geistigen Arbeit wie das Abschreiben von Schriften vor der Erfindung des Buchdrucks vorkommen.

In diesem Sinne werden zukünftig Computer pädagogisch effiziente Denkverstärker auch in unseren Schulen sein, selbst wenn sie von der Komplexität menschlichen Denkens weit entfernt bleiben.

Wenn mit Hilfe dieser neuen Möglichkeiten die Vermittlung von Unterrichtsinhalten in vielen Fällen deutlich verbessert werden kann, wenn wir uns dabei erneut und verstärkt über die tatsächlich notwendigen und sinnvollen Bildungsinhalte abstimmen müssen, dann gewinnen wir in unseren Schulen die heute oft fehlende Zeit für Gespräche und schöpferische Pausen, für Erziehung und Partnerschaft und das "Anfassen der Natur" wieder.

Grundschüler aus Mainz-Laubenheim erklären der Kultusministerin Rose Götte, warum sie sich Mathematik nicht mehr ohne Computer vorstellen können.

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