FAZ 23.11.1987
Alfons Rissberger − Strategie Consulting
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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. November 1987

Nur das "Einstiegsalter" ist noch umstritten

Erwachsene diskutieren über "Computer unter dem Weihnachtsbaum" / Kinder zeigen, was sie können/ Von Eckhart Kauntz

Er sieht, wie auch der Pädagoge und Schulbuchautor Monnerjahn, im Gegenteil die Beschäftigung mit dem Computer als soziales Geschehen, das oft zu zweit oder dritt betrieben werde. Allerdings waren sich alle drei wie auch Alfons Rissberger vom Kultusministerium darüber einig, dass das Kind und der Jugendliche nicht allein dem Computer überlassen werden dürfen. Wenn der Computer als "Denkwerkzeug" in seiner dienenden Funktion empfunden werde, dann könne er auch spielerisch in die neue Realität einüben, in eine Welt, die beispielsweise schon bis zum Ende dieses Jahrzehntes bei siebzig Prozent der Arbeitsplätze den Umgang mit dem Computer zwingend mache.

Der Psychologe Norbert Hißnauer hat davor gewarnt, den Computer an der Stupidität manchen Bildschirmarbeitsplatzes zu messen. Der Computer sei im Gegenteil flexibler als anderes Spielzeug. Er erinnerte daran, dass viele Achtklässler sich darüber beklagen, nicht schon früher mit dem Computer zusammengebracht worden zu sein.

Während im Vortragssaal noch an die Angst der Mönche des Fünfzehnten Jahrhunderts erinnert wurde, die im Aufkommen des Druckes ihr Monopol bei der Verbreitung der Heiligen Schrift gefährdet sahen, erweckten die Zehnjährigen im Foyer des Museums mit roten Ohren und Wangen die bunten Bilder auf den Bildschirmen mit aller Selbstverständlichkeit zum Leben, schoben Disketten in Schlitze und ließen Programme laufen.

Selten habe es ein so großes Thema an der Schule gegeben wie das der informationstechnischen Grundbildung, sagte am Wochenende Kultusminister Gölter. Und - möglicherweise auch aus eigener Erfahrung als Vater - vertrat er die Meinung, dass hier der Sohn oder die Tochter den Eltern schon bald überlegen sein könnten. Vielleicht, so folgerte er, resultiere aus der Angst der Eltern, nicht mehr mitreden zu können, der Widerstand gegen die Computer. Aber der Mitautor des ersten informationstechnischen Schulbuches. Monnerjahn, hat andere Erfahrungen gemacht. Er arbeitet zusammen mit seinem Sohn - der Junge ist in der Pubertät - am Computer. Dieses gemeinsame Interesse erleichterte den Kontakt zu dem Jungen in dieser Entwicklungsphase.

MAINZ, 22. November. Pierre lässt seinen Computer den Betrieb einer Seilbahn steuern; Frank hat seinem Rechner Töne beigebracht. Oliver und Mike rollen auf einem bunten Bildschirm eine Kugel über Hindernisse und Schluchten. Und Simon schickt einen grünen Ball in die Krater einer Mondlandschaft, über die fabelhafte Wesen huschen, deren Berührung ein kleines Feuerwerk hervorrufen. Im Mainzer Gutenberg - Museum haben sich am Wochenende jugendliche "Computer - Freaks" versammelt, um ihren begeisterten Altersgenossen und skeptischen Eltern vorzuführen, was mit einem summenden Kasten, mit einer "Maus" und einem "Joy - Stick" und einer passenden "Software" so alles anzustellen ist.

Dass der Veranstalter dieser Matinee mit Bits und Bytes im Mainzer Kultusministerium zu Hause ist, zeigt die Bedeutung, die man hier dem Computer inzwischen beimisst. Eingeladen hat die beim Kultusministerium angesiedelte Informationsstelle Schule und Computer, die die schrittweise Einführung der "informationstechnischen Grundbildung" (ITG) an den rheinland-pfälzischen Schulen koordiniert. An mehr als zweihundert Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien des Landes wird in diesem Schuljahr das ITG-Konzept schon praktisch erprobt. In der zentralen Lehrerfortbildung wurden 135 Lehrkräfte als Multiplikatoren qualifiziert, die inzwischen ihr Wissen an 2500 Lehrkräfte weitervermitteln. Vom Schuljahr 1989/90 an wird das, was bisher sich noch im Stadium der Erprobung befand, Eingang in die Lehrpläne finden. Dann sollen jede Schülerin und jeder Schüler des achten Schuljahres in Rheinland-Pfalz im Rahmen des Pflichtunterrichtes mit dem Computer vertraut gemacht werden. Dieser Unterricht wird eingebunden sein in die unterschiedlichsten Fächer: in den Sprachunterricht ebenso wie in den Musikunterricht, in Mathematik und technischen Fächer.

Der Mainzer Kulturminister Gölter sieht in der Entmystifizierung des Computers eine zentrale Aufgabe der Schule, in der Vermittlung der Kenntnisse zum Umgang mit diesen Geräten einen Teil der Vermittlung von Kulturtechniken.

Die Ergebnisse einer Erhebung der Universität Konstanz an rheinland-pfälzischen Haupt- und Realschulen sowie an Gymnasien zeigt, dass die Schulen trotz aller Bemühungen noch der Realität nachhinken. Schon 52 Prozent der Schüler (aber nur zehn Prozent der Schülerinnen) in den achten Klassen besitzen einen Computer. Das heißt nichts anderes, als dass die Schulen vielerorts noch nicht in der Lage sind, den Umgang mit dem Computer durch einen entsprechenden Unterricht zu leiten und auch zu kanalisieren. Zum anderen ergibt sich aus dieser Erhebung, dass die Kinder oft mehr über dieses Thema wissen als ihre Eltern und daher die Eltern bei Fragen zu diesem Thema überfordert sind und nicht mitreden können.

"Computer unter dem Weihnachtsbaum - krankmachender Bazillus oder Multivitaminpräparat im Kinderzimmer" - unter diesem Thema stand dann auch eine Diskussion im Museum, die Eltern für die Beantwortung der Frage rüsten sollte, ob sie dem Wunsch ihrer Kinder nach einem Computer auf dem Gabentisch nachkommen sollten. Das Fazit: Es scheint, als ob der prinzipielle Widerstand schon gebrochen, allenfalls das Einstiegsalter noch umstritten ist. "Je jünger das Kind, um so größer ist die Gefahr", sagte die Lehrerin Anke Drews, die selbst informationstechnische Grundbildung lehrt. Sie malte das Bild des kommunikationsarmen, dem Computer ausgelieferten und vom Leben isolierten Kindes an die Wand. Diese Gefahr wollte der hessische Lehrer Udo Ulbrich nicht so bedrohlich sehen.

 

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