FAZ 25.06.1987
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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. Juni 1987

Bei der dritten falschen Antwort sagt der Computer vor

Rechner, Bildschirm, Lehrprogramme in der Schule / Beispiel Simmern im Hunsrück / Von Eckhart Kauntz

Es stammt in seiner Urfassung von Dr. Luis Osin und heißt Toam. Diese Abkürzung steht für hebräische Schreibweise des Begriffes "computergestütztes Testen und Üben". Osins Motto heißt: "Alle Menschen sind verschieden und haben die gleichen Rechte", und es steht damit auf provokatorische Weise gegen die Formulierung "Alle Menschen sind gleich".

Die mit dem neuen System und seiner Beurteilung beauftragten Lehrer an den Schulen haben sich schon zu einer Projektgruppe zusammengeschlossen. Das Mainzer Kultusministerium will "ergebnisoffen" sein und die Schulen nicht beeinflussen. Der Projektleiter Lankeshofer von der Realschule in Kirchberg, der schon in Washington als Lehrer erste Kontakte zu der Computerwelt hatte knüpfen können, berichtet von Vorbehalten gegen dieses neue Medium vor allem in den Gymnasien. Toam kann gegenwärtig bis zur Klasse 9 eingesetzt werden - und zwar nicht nur in Mathematik, sondern auch in Englisch. Doch im Fremdsprachenunterricht wird das auf dem Prinzip des "Multiple-Choice-Verfahrens" (Wähle unter mehreren gegebenen Antworten die richtige aus) beruhende System ebenso wie in Mathematik nicht die klassische Unterrichtsform ersetzen. Auch wird kein Lehrer arbeitslos werden. Die Lehrer - sind sie einmal mit dem System vertraut - halten viel von dem Computersystem. Und ähnlich reagieren die Eltern, deren Kinder übrigens, so hört man, immer häufiger auf dem Gabentisch bei der Kommunionfeier einen (heiß gewünschten) Computer neben der Heiligen Schrift vorfinden.

Der für den Einsatz von Computern im Unterricht zuständige Mainzer Kultusbeamte Rissberger sieht zwei Vorteile: Jeder Schüler genieße durch den Computer ein Höchstmaß an individueller Förderung, und der Lehrer bekomme über den Computer ein Bild von den Stärken und Schwächen jedes einzelnen Schülers - womit auch schon Fragen des Datenschutzes involviert sind, weil die Beurteilung des Schülers nicht mehr des Lehrers Notenbüchlein, sondern einer elektronischen Anlage anvertraut ist. Damit zusammenhängend kann der Lehrer übrigens auch Schwächen seines Unterrichtes erkennen, wenn etwa der Leistungsdurchschnitt in bestimmten Gebieten auffallend gesunken ist.

Darüber hinaus aber führt das Toam - System die Kinder behutsam in die Welt der Datenverarbeitung hinein, ohne sie zu überfordern. Jungen und Mädchen, die später bei der Einführung in die informatorische Grundbildung schon geschlechterspezifisch unterschiedlich reagieren (Jungen sind aufgeschlossen, Mädchen eher zurückhaltend), sind im Alter von sieben oder acht Jahren noch gleichermaßen begeisterungsfähig.

SIMMERN, im Juni. Dem Heimatdichter Rottmannverdankt die Grundschule des Hunsrückstädchens Simmern ihren Namen, dem im Hinterhof geparkten Sattelschlepperaufleger ihre Position an der Spitze des Fortschrittes. Der ist im Innern des Anhängers zu Hause. Und um ihm zu dienen, verschwinden dorthin zweimal wöchentlich die vierzehn Klassen des zweiten bis vierten Jahrganges für je zwanzig Minuten. 32 Kinder finden hier 32 Arbeitsplätze: der Lehrer tritt zurück, seinen Platz nehmen 32 Bildschirme ein. Sie fordern die sieben bis zehn Jahre alten Kinder, sie verteilen Lob, aber nicht Tadel, sie stellen die Aufgaben, sie korrigieren, wenn erforderlich, über den angeschlossenen Computer. Im Hintergrund, durch eine durchsichtige Tür abgetrennt, brummt leise die Zentraleinheit. Rechnen mit dem Rechner, für die Kleinsten. Wird da eine Schreckliche Vision wahr? Werden da schon Kinder mit Bits und Bytes an Maschinen angepasst?

Der zehn Jahre alte Mirco Meyer wird nach Eingabe seiner persönlichen "Nummer" vom Bildschirm freundlich mit Namen begrüßt. Dann spuckt der Computer die erste von zehn Aufgaben aus, die das auf diesen Schüler und seinen bisher ermittelten Leistungsstand zugeschnittene Aufgabenmenü vorsieht. Mirco hat im vorausgegangenen Rechenunterricht aufgepasst. "Sehr gut", meint der Computer zu der von Mirco errechneten Lösung und geht zu einer neuen Aufgabe über; Mirco vertippt sich, der Bildschirm blinkt, Mirco korrigiert sich, nun ist auch diese Aufgabe gelöst. Ein "Gut" auf dem Bildschirm belohnt die Mühe. Es ist still geworden in dem Anhänger, die Kinder sind mit roten Wangen bei der Sache, die Welt der Computer hat sie eingehüllt. "Frustration" bei schwächeren Schülern wir vermieden, passt sich die Zentraleinheit mit ihren Anforderungen doch den Spitzenkönnern ebenso an wie den Schwachen, die so auch zu ihrem "Erfolgserlebnis" kommen. Nach zehn Minuten hat der Lehrer ein anderes Aufgabenpaket vorbereitet. Die Kinder tippen auf der Zahlenskala die Ergebnisse von Subtraktion und Addition, Division und Multiplikation, von Text- und Zahlenaufgaben ein. Für Mirco hat der Computer mittlerweile schon Potenzaufgaben vorgesehen. Und weil Mirco auch hier erfolgreich rechnet, gibt es zum Schluss ein Sonderlob: "Ausgezeichnet". Hätte er bei einer Aufgabe dreimal ein falsches Ergebnis eingetippt, wäre die Geduld des Computers am Ende gewesen.

Dann hätte er das richtige Ergebnis von selber mitgeteilt.

Computer haben ein gutes Gedächtnis. Weil der Rechner das individuelle Leistungsniveau ermittelt, kann er auch jedem Schüler zeigen, welchen Platz er in der Rangfolge eines Jahrganges einnimmt."Es ist wie bei den Bundesjugendspielen", sagt der Mathematiklehrer Klemm, und er findet den Leistungsgedanken, der bei den Schülern Ehrgeiz anstachelt, auch nicht verwerflich. Das System reagiert vollautomatisch auf das Leistungsvermögen des Schülers. Wenn der Schüler die Übungsaufgaben in der vorgeschriebenen Zeit zu zwei Dritteln lösen kann, hebt er das Anforderungsniveau, andernfalls senkt er es. Damit ist erreicht, was Klemm im normalen Unterricht, wo die guten auf die schlechten Schüler und die schlechten auf die guten Schüler und der Lehrer auf beide Gruppen Rücksicht nehmen muss, nicht zu leisten vermag. Im klassischem Unterricht, beim Kopfrechnen, kommt jeder Schüler in zehn Minuten kaum einmal dran. Hier wird er in der gleichen Zeit zehnmal gefordert, wenn nötig korrigiert, und weder über- noch unterfordert.

Schon jetzt, nach wenigen Monaten der Vorerprobung haben sich verblüffende Ergebnisse eingestellt. Mancher lernt das schriftliche Teilen nie, weiß Klemm aus jahrelanger Erfahrung. Von den Drittklässlern kann es nun schon die Hälfte, in der vierten Klasse können es alle. Dabei geht es an den Bildschirmen nicht so zu wie beim Kleincomputer, der nach der Aufgabeneingabe das Ergebnis meldet. Schriftliches Teilen bedeutet hier, die Restmengen nach alter Art unter den Strich zu holen und so lange weiterzurechnen, bis alles aufgegangen ist.

Das Computerzeitalter ist im rauen Hunsrück nicht nur die Rottmann-Grundschule in Simmern gekommen. Im kommenden Schuljahr werden in der Grund-, der Haupt-, der Berufs- und der Sonderschule sowie am Gymnasium in Simmern und in der Kirchberger Realschule und in der Gesamtschule in Kastellaun Computer stehen. Noch hat die eigentliche Eroberungsphase nicht begonnen. Sie wird nach den Sommerferien beginnen und ein Jahr dauern. Die Hardware, der Zentralcomputer und die Bildschirme, kommen aus Israel. Die Software, die Einrichtung des Computersystems auf die Bedürfnisse des Unterrichtes, kurz gesagt: das didaktische Konzept, ist schon an deutsche Verhältnisse angepasst.

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