FAZ 12.03.1996
Alfons Rissberger − Strategie Consulting
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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. März 1996

Der Deutsche redet noch, wenn andere längst handeln

Die Arbeitslosigkeit ist mit den Rezepten der Vergangenheit nicht zu bewältigen / Von Alfons Rissberger

geringerem Personaleinsatz. Dieser Entwicklungssprung ist nur vergleichbar mit der Tatsache, daß die Weiterentwicklung der Kerze nicht zur Entdeckung des elektrischen Lichts führte.

Bei allem Verständnis für die Unsicherheiten der Führungskräfte, die viele Computerexperten in der Vergangenheit mit überzogenen Erwartungshaltungen, unausgewogenen Vorschlägen und oftmals ungeeigneten Weiterbildungsinhalten mitverursacht haben, dürfen die folgenden immer wieder auftauchenden Argumente nicht mehr widerspruchslos hingenommen werden:

- "Alles ist noch zu stark im Fluß, es lohnt, auf eine Konsolidierung zu warten. Die Systeme werden noch besser und preiswerter." Die Erwiderung muß heißen: Diese Innovation wird mit extrem kurzen Zyklen auf unabsehbar lange Zeit anhalten. Es ist unverantwortlich, aus Unkenntnis auf einen weiteren Konsolidierungsschritt zu warten. Alle erforderlichen Hard- und Softwarekomponenten sind als Massen- beziehungsweise Standardprodukte preiswert verfügbar, und alle notwendigen Erfahrungen liegen vor.

- "Das ist nichts (mehr) für mich." Auch diese Einschätzung ist verkehrt. Know-how in diesem Bereich lohnt selbst für kurze Zeit und sogar für die Zeit nach dem Erwerbsleben.

- "Der Chef kann nicht alles wissen, können beziehungsweise selbst machen." Das ist prinzipiell richtig. Bei einem Teil der Multimedia-Anwendungen handelt es sich allerdings um eine neue Kulturtechnik, die man nicht delegieren darf. Nur die persönliche Nutzung bringt den entscheidenden Gewinn für die tägliche Verantwortung, hilft, Zeit zu gewinnen für Menschen und Kreativität, wenn man nur dann mitreden und mitentscheiden kann und nur dann glaubwürdiges Vorbild ist.

- "Abwarten lohnt, da die Erwartungen völlig überzogen sind" oder "Der Kelch wird an mir vorüberziehen" – Antwort: Das Gegenteil ist der Fall.

Die wesentlichen Vorteile multimedialer Werkzeuge für die geistige Arbeit lassen sich nicht durch Arbeitsteilung oder Delegieren sichern, ebensowenig wie man Lesen und Schreiben delegieren kann, um den Lernaufwand zu sparen. Zugegeben: Viele Möglichkeiten von Multimedia sind mit den Erfahrungen der Vergangenheit nicht faßbar. Die zum Mitreden und Mitentscheiden notwendigen Erkenntnisse erfordern gestufte Lernprozesse. Wie sie auch dem erfolgreichen Einsatz anderer nicht trivialer Werkzeuge zugrunde liegen. Dazu gilt es zunächst zu lernen, mit den grundlegenden Systemkomponenten zurechtzukommen. Das kostet wie beim Autofahren-Lernen einen kurzen, aber konzentrierten Zeiteinsatz. Den zweiten Schritt bilden Übungen auf dem Weg zur eigenständigen, erfolgreichen, aber zunächst noch exemplarischen Systemnutzung. Direkt im Anschluß an die Fahrprüfung kann der Führerscheinneuling sein Auto noch nicht weitgehend streßfrei zum Zwecke der Fortbewegung einsetzen. Dazu ist er erst nach dem dritten Lernschritt in der Lage: Gleichviel, ob Autofahren oder Multimedia, erst der Einsatz im Alltag führt zur effizienten Nutzung.

Es ist typisch deutsch: Wir reden, wo andere längst handeln. Wir theoretisieren über Jahre in Unterarbeitsgruppen von Arbeitsgruppen die Risiken der multimedialen Revolution, wo andere ihre Chancen bereits konkret nutzen und erproben und – selbstverständlich – parallel dazu realistisch und ausgewogen die Probleme und Handlungsnotwendigkeiten mit Blick aufs Ganze erkennen und umsetzen. In den Vereinigten Staaten ist das Thema Chefsache im Weißen Haus. In Deutschland äußern sich nur wenige Politiker informiert und korrekt, wie zum Beispiel der Ministerpräsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Berndt Seite. Die meisten seiner Kollegen äußern sich nicht oder mit Sonntagsreden. Sie zeigen sich schlecht oder gar falsch informiert, weil auch ihre Umgebung oft nur drei Minuten und aus zwei Meter Entfernung im Fernsehen etwas darüber gesehen und gehört hat. Ein solches Vorgehen ist unverantwortlich.

Der Zug ist abgefahren

Der Multimediazug ist weltweit abgefahren. Er ist nicht aufzuhalten. Die Wirkung dieser Entwicklung ist so schnell und tiefgreifend, daß wir den Nutzwert jetzt realisieren müssen. Wir können es uns nicht leisten, auf die nächste Generation zu warten und uns von der internationalen Entwicklung abzukoppeln. Statt dessen müssen wir den Tatsachen in die Augen sehen, die bereits gelten beziehungsweise in wenigen Jahren definitiv eintreten werden. Dazu gehört, daß Multimediasysteme das Know-how der besten Experten in Form leistungsfähiger und universell nutzbarer Notebooks über optische Speicher und digitale Netze interaktiv und dynamisch jedermann jederzeit zur Verfügung stellen, und sie sind zugleich universelle Kommunikationsmedien. Zu den Tatsachen, die wir uns zu vergegenwärtigen haben, gehört auch, daß Multimedia einen Quantensprung für ein effizientes, besonders menschen- und umweltgerechtes geistiges Arbeiten ermöglicht, unabhängig von Ort und Zeit, oft ohne Nutzung der klassischen, bisher bewährten Methoden, Medien, Hilfsmittel und Institutionen. Dies erfordert eine weiterentwickelte Kultur des Umgangs mit Information und Kommunikation. Dabei ersetzt Multimedia nicht alle herkömmlichen Informations- und Kommunikationsprozesse, so wenig wie das Telefon das persönliche Gespräch vollständig ersetzt hat.

Wir müssen darüber hinaus akzeptieren, daß Multimediasysteme die Organisation und Methodik geistiger Arbeit verändern. Es entstehen orts- und zeitübergreifend neue Formen der Information und Kommunikation. Die neuen Freiräume bei der Wahl des Arbeits-und Besprechungsplatzes werden sich positiv auf die Ökologie auswirken, da viele Fahrten zu

 

Arbeits- und Besprechungsorten entfallen können und Arbeitsstätten effizienter nutzbar sind. Wenn die Prognose eintritt, daß im Jahr 2000 in Deutschland 800000 Telearbeitsplätze bestehen, die zwei Tage je Woche zu Hause genutzt werden, bedeutet das bei 15 Kilometer Entfernung vom Arbeitsplatz in der Firma eine jährliche Einsparung von zwei Milliarden Personenkilometern. Andererseits können und müssen wir unsere bisherigen, oft unökonomischen und unökologischen Arbeitsstättenstrukturen anpassen, da wir wertvollen Büroraum nicht ungenutzt lassen dürfen.

Der Einsatz von Multimediasystemen hat massive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Qualifikationsanforderungen. Es kommt erstmals zu einer erheblichen Rationalisierung bei Routinetätigkeiten in allen Bereichen geistiger Arbeit. Dadurch werden viele Arbeitsplätze in den Verwaltungen und im Bildungswesen entfallen. Es ist absehbar, daß die neuen Arbeitsplätze im Multimediadienstleistungsbereich keine Kompensation bringen. Insbesondere entstehen diese neuen Arbeitsplätze außerhalb der bisherigen Ballungszentren und in anderen Ländern. So liegen zum Beispiel die Kosten für einen Akademiker im Softwarebereich in Indien momentan bei zehn Prozent des deutschen Lohns. Und in Deutschland? Bei zehn Millionen geistig Arbeitenden und einem Rationalisierungspotential von 30 Prozent, ein solcher Wert ist möglich und aus Wettbewerbsgründen geboten, bedeutet das weitere drei Millionen wegfallende Arbeitsplätze in den nächsten Jahren. Und das sind nicht primär Arbeitsplätze für ungelernte Kräfte.

Wenn wir Multimedia nicht aktiv aufgreifen, kann diese weltweite Entwicklung sogar zu einem weit größeren Arbeitsplatzverlust bei uns führen, da wir wegen der volkswirtschaftlichen Gesamtwirkung und nicht zuletzt wegen eines nicht mehr konkurrenzfähigen Verwaltungs- und Bildungssystems auch dort verlieren, wo wir mit Produkten von Mercedes oder BMW heute noch international erfolgreich sind. Darin steckt eine fundamentale Gefahr für den Standort Deutschland. Ohne eine konzentrierte und konzertierte Multimediaentwicklung und -anwendung wird Deutschland im europäischen und internationalen Bildungs-, Wissenschafts- und Wirtschaftswettbewerb im Vergleich zu den anderen entwickelten Staaten den Anschluß verlieren. Nur bei Bündelung und Konzentration der Kräfte werden wir uns vom Multimediakuchen ein angemessenes Stück sichern können. Im Bereich Bildung ermöglicht der Einsatz interaktiver Multimediasysteme vielfach eine Qualitätssteigerung bei deutlich

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